Historie

Vielleicht gab es in Gau-Algesheim, ähnlich wie in vergleichbaren Orten der Nachbarschaft, schon im 13. Jahrhundert ein Pilgerhospital. Zum ersten mal wird dieses Spital als Besitzer eines Weinbergs auf dem Steinert - der fruchtbaren Gemarkung, auf der das heutige Albertus-Stift steht - am 10. April 1437 erwähnt. Zum Gau-Algesheimer Hospital gehörten neben Weinbergen und Äckern ein Wohnhaus in der Kloppgasse und eine Kapelle. Von dieser Kapelle ist ein Schlussstein erhalten, eine Mandorla1) mit Christus dem Weltenrichter, im Stil etwa aus der Zeit um 1300.

Die Hospitalkapelle in der Kloppgasse ist im Maskoppschen Plan von 1577 eingezeichnet, ebenso die mit Kreuzen gekennzeichneten Hospitalgebäude.

In die Hospitalstiftung - die Frage ob es sich um eine kirchliche oder eine bürgerliche Stiftung handelt, blieb lange umstritten - flossen im 16. Jahrhundert weitere Stiftungen ein, so die Sondersiechenhausstiftung. Dieses Hospital zur Pflege ansteckend Kranker, in welchem
Beginen2) ihren aufopferungsvollen Dienst taten, stand an der Straße nach Ockenheim. Bereits 1836 erwähnt wird die Brotspende, kurz Spenn genannt, durch die an bestimmten Tagen armen                
Die Mandorla1)
Leuten Brot gereicht wurde.

Aus der Zeit nach der großen Pest (1666) gibt es zahlreiche Urkunden und Belege über das Bürgerhospital. Vor allem wurden dort durchziehende Arme betreut, aber auch z.B. Beerdigungskosten für Arme übernommen oder gar Zuschüsse zu Gehältern verarmter Schulmeister gezahlt.

Auf über 50 Seiten hat Herr Erich Hinkel die Gesamtgeschichte des Hospitals in einer leider vergriffenen Schrift der Carl-Brilmayer-Gesellschaft (Band 22 B/1987) ausführlich gewürdigt. Die Einnahmen des wohlhabenden Hospitals bestanden in Pachterträgen und in Zinseinkünften aus ausgeliehenen Kapitalien. Mit diesen Geldern bestritt die Stadt Gau-Algesheim vor allem während der Revolutionskriege (1792 - 1797) zusätzliche Ausgaben. Infolge der Zuteilung unseres Gebietes zum französischen Staatsverband (1797 - 1813) wurde der Hospitalfonds noch mehr geschröpft, so dass im 19. Jahrhundert das Hospital im wesentlichen nur noch zur Bestreitung von Ausgaben für ortansässige Arme aufkommen konnte.

Doch es gab auch einmal eine erstaunlich fortschrittliche Ausgabe:

Im Jahre 1820 wurden die Kosten für eine Blatternimpfung von bedürftigen Kindern aus dem Hospitalfond bestritten. Dies geschah auf Initiative des Gau-Algesheimer Bürgermeisters und Generals Eickemeyer, lange bevor die Pflichtimpfung eingeführt wurde. Durch die Initiativen von Pfarrer Koser (1869 - 1890), der einen Krankenverein und einen Armenverein ins Leben rief, entfielen etliche Aufgaben des Hospitals völlig.

Insofern war der Bau eines neuen Hospitals, der durch eine großzügige Stiftung des Industriellen Avenarius 1893/94 ausgeführt werden konnte, eine entscheidende Wende. Gelder des mittelalterlichen Hospitals flossen in diesen Neubau und die Winterhilfe für ortsansässige Arme entfiel. Aber es war eine Bleibe für Invaliden und vor allem eine Schwesternstation für ambulante Krankenpflege entstanden.

Seinen Namen erhielt das Hospital im Gedenken an das einzige Kind der Eheleute Richard und Angelika Avenarius, Albert, das 1879 zwölfjährig verstorben war.

Neunzig Jahre lang war das Hospital von den Schwestern der Göttlichen Vorsehung bewohnt. Von hier aus bewirkten sie sehr viel Gutes. Im Jahre 1949 richtete man eine Entbindungsstation ein. Das Gebäude war schon 1937 durch einen etwas groben Anbau erweitert worden. Dennoch, die Platzverhältnisse blieben bescheiden. Die Schwestern hatten lediglich eine winzige Kapelle im Haus, in der ein vom Bruder der Frau Angelika Avenarius, Herrn Pfarrer August Maekler, entworfener und eigenhändig geschnitzter Altar stand. Dieser neugotische Altar befindet sich nunmehr in der Sakristei des neuen Albertus-Stiftes. Erst durch die zahlreichen Trauerfeiern der Jahre 1949 bis 1966 wurde die Kapelle auch der Öffentlichkeit bekannt.

Nach langwierigen Verhandlungen konnte 1962 ein Neubau an das Hospital angefügt werden. Obschon 65.000 Quadratmeter Hospitalfeld dafür, allerdings weit unter Wert, verkauft wurden, blieb wegen der knauserigen Zuschüsse, die Land, Kreis und Stadt gewährten, die ungeheure Restschuldsumme von 439.000 DM. Diese Verschuldung konnte erst im Jahre 1994 endgültig gelöscht werden. Beim Übergang an die Verbandsgemeindeverwaltung 1994 blieb wenigstens dieser, allerdings vom Optischen her weniger interessante, Bau erhalten. Die Satzung der bürgerlichen "Hospital-Stiftung" vom Jahre 1963 erwies sich bereits kurz nach ihrer Veröffentlichung als überholt, denn die Entbindungsstation wurde leider 1966 geschlossen. Es blieben 24 Einzelzimmer und 1 Doppelzimmer für ältere und hilfsbedürftige Menschen.

Die Leitung des Hauses übernahm Frau Elisabeth Dorn.

Da die räumlichen Verhältnisse nicht mehr den Erfordernissen der Gegenwart entsprachen, plante man zunächst den Einbau von Naßzellen in die Zimmer. Freundlicherweise hat Architekt Heiner Jouaux hierzu kostenlos die Pläne gefertigt. Überlegungen der Jahre 1985/86 führten jedoch bald zu dem Entschluß, ein neues Altenheim in Gau-Algesheim zu errichten. Zahlreiche Varianten wurden vom Stiftungsrat des Albertus-Stifts erwogen, Verhandlungen mit verschiedenen Privatpersonen, politischen Gremien und Experten geführt. Die lokale Presse berichtete genüßlich jahrelang über "die Gau-Algesheimer Frage", Nachbargemeinden machten Grundstücksangebote und der Caritasverband Druck. Endlich war man wenigstens zu einer zweitbesten Lösung gekommen. Daß der hundertjährige Altbau des Albertus-Stifts dabei abgebrochen wurde, war noch ein unvermuteter Wermutstropfen für alle, die dem Hospital emotional verbunden und mit historischen Gespür begabt sind. Daß die Verbundenheit der Gau-Algesheimer mit "ihrem Hospital" sich auf den nunmehr entstandenen und allgemein Bewunderung und Akzeptanz findenden Neubau "Albertus-Stift" des Caritas-Werkes St. Martin überträgt, dessen dürfen wir gewiß sein. Bei uns soll niemand abgeschoben sein, schon gar nicht in unserem Alten- und Pflegeheim.

(Pfarrer Dr. Ludwig Hellriegel
 Auszug aus der Festschrift zur Einweihung des neuen Albertus-Stifts, Mai 1994)

Das Albertus-Stift in seiner heutigen Form

1)  Mandorla (ital. für Mandel) ist ein Fachbegriff aus der Kunstgeschichte. Mandorla bezeichnet eine Gloriole oder Aura rund um eine ganze Figur. Damit unterscheidet sich die Mandorla etwa vom Heiligenschein. Die Mandorla kann kreis-, ellipsen- oder mandelförmig sein. Mandorlen treten in der sakralen Kunst Europas seit dem 5. Jahrhundert n. Chr. auf. Sie werden als Ausdruck der Licht-, bzw. Heilssymbolik einer (göttlichen) Figur gedeutet.
 

2) Beginen und Begarden heißen in den Quellen des 12.-14. Jahrhunderts die Mitglieder der Collegia Beguinarum, bzw. Beguinorum, religiöser Gemeinschaften, die zwischen Ordensgemeinschaften und Laien angesiedelt waren.